Justiz-Opfer e.V. München
Justiz-Opfer e.V. München

Das Verkrankungssystem

Ein Beitrag vom Arzt,

Dr. med Gunter Frank.

 

 

Die moderne Medizin kann Fantastisches leisten.

Verkalkte Herzklappen können heute ersetzt, Blutkrebs in vielen Fällen geheilt und Herzinfarkte durch rechtzeitige Therapie folgenlos überstanden werden.

 

Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die moderne Medizin auch ihre Schattenseiten besitzt.

 

Vor allem in Form sogenannter iatrogenen (vom Arzt selbst verursachten) Erkrankungen.

 


Wie gefährlich ist es zum Arzt zu gehen?

 

 

Nach seriösen Schätzungen der Johns Hopkins Universität
ist die ärztliche Behandlung die Todesursache Nr. 3,
nach Herzkrankheiten und Krebs und
vor Schlaganfällen, Diabetes oder Unfällen.

 

Das renommierte Cochrane Institut in Dänemark kommt zu ähnlichen Berechnungen für die EU.

 

Demnach sterben jährlich ca. 450.000 Menschen (USA plus EU) unnötig und vermeidbar durch die Medizin.

 

Für Deutschland bedeuten diese Schätzungen ca. 50.000 Tote und
Millionen unnötiger Krankenhausaufenthalte und Arztbesuche.

 

Wohlgemerkt beziehen sich diese Zahlen nicht auf die Nebenwirkungen einer verantwortungsvollen Medizin, die sich leider nie ganz verhindern lassen – nein, sie beziehen sich vor allem auf die ernsten Nebenwirkungen unnötig verordneter Medikamente und Operationen.

 

So erschreckend diese Horrorzahlen sind, die Ursachen sind bekannt: massiver Pharmaeinfluss in der medizinischen Forschung, die Vorteilsnahme bis zur Bestechung

von medizinischen Meinungsführern
an den Universitäten und in Folge unsachgemäße offizielle Behandlungsleitlinien, in denen beispielsweise Normwerte immer weiter abgesenkt werden.

 

So galten zu meiner Zeit als Medizinstudent in den 1980er Jahren ein Cholesterinwert von 240 mg/dl, ein Blutdruck für 70-Jährige von 160/95 mm/Hg und ein Blutzuckerwert von 140 mg/dl als völlig normal.

 

Heute gilt man mit einem Cholesterinwert ab 200, einem Blutdruck über 140/90 und einem Blutzucker über 125 (teilweise schon ab 100) als gefährdet und wird nebenwirkungsreichen Therapien ausgesetzt,

ohne dass die Notwendigkeit dazu jemals seriös belegt wurde.

 

Die Folgen zeigen sich beispielsweise in der aktuellen Accord-Studie, in der normwertnah eingestellte Typ-2 Diabetiker früher sterben, als diejenigen, die medikamentös nicht so streng eingestellt wurden und höhere Zuckerwerte unter Therapie aufweisen.

 

Neben dem gesundheitlichen Schaden ist auch der finanzielle Schaden für die Gesellschaft immens, den der letzte deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie Prof. Reinhard Selten mit den ökonomischen Folgen der Finanzkrise vergleicht.

 

Im Gesundheitssystem werden viele Milliarden Euro fehlgeleitet,

die an anderer Stelle dringend benötigt würden:

beispielsweise für eine gute personelle Ausstattung im Pflegebereich oder eine solide medizinische Versorgung auf dem Land.

 

Es müsste im größten Interesse der Gesundheitspolitik und der Krankenkassen liegen, wirkungsvolle Maßnahmen gegen diesen riesigen Missstand zu ergreifen, denn sie müssen ja die Folgen bezahlen.

 

Leider ist das Gegenteil der Fall. Wie das?

 

 

 

Krankenkassen werden Verkrankungsspezialisten

Seit dem 1. Januar 2009 wurde das deutsche

Gesundheitssystem auf den Kopf gestellt.

 

Zu diesem Termin startete sowohl der Gesundheitsfonds als auch der Morbiditäts- Risikostrukturausgleich, kurz Morbi-RSA.

 

Zuvor waren Krankenkassen an möglichst gesunden Versicherten interessiert, denn sie erhielten deren Beiträge direkt, um davon die anfallenden Behandlungen zu bezahlen.

 

Je gesünder die Versicherten desto mehr Geld verblieb den Krankenkassen.

 

Heute fließen die gesamten Krankenkassenbeiträge zusammen mit dem Steuerzuschuss des Bundes, ca. 150 Milliarden Euro,  in einen gemeinsamen Topf, dem Gesundheitsfonds.

 

Aus diesem Topf erhalten die Krankenkassen seitdem ihr Geld.

 

 

Entscheidender Verteilungsfaktor ist dabei der Morbi-RSA,

der anhand 80 ausgewählter Krankheitsgruppen bestimmt wird.

 

Nun gilt:

je kränker die Versicherten desto mehr Geld gibt es für deren Krankenkassen, je gesünder desto weniger.

 

Auch der Medikamentenverbrauch ist ein Kriterium für die Schwere der Erkrankung und wie viel Geld der Krankenkasse zusteht.

 

Das klingt zunächst solidarisch,

hat jedoch problematische Auswirkungen.

 

 

 

Es setzt nun ein regelrechter Wettbewerb ein, welche Krankenkassen die meisten Diagnosen pro Versicherte aufweisen können.

 

 

Und dabei wird nachgeholfen.

 

So sind z.B. Disease Management Programme (DMPs) bei genauem Hinsehen dazu da, Ärzte durch finanzielle Anreize zu verleiten,

bei möglichst vielen ihrer Patienten Diagnosen entsprechend dem Morbi-RSA zu stellen,

obwohl diese gar nicht krank sind.

 

 

Hier erfüllen die viel zu niedrigen Normwerte ihren eigentlichen Zweck.

 

So entstehen künstliche Krankheitsepidemien, wie z.B. der angebliche massive Anstieg von Diabetikern,

die in Wirklichkeit nur dazu benutzt werden,

noch mehr Geld in dieses Verkrankungssystem hineinzupumpen.

 

Wenn Sie sich seit einiger Zeit wundern,

warum Sie regelmäßig Post von Ihrer Kasse bekommen,

die Sie im eindringlichen Ton auffordert,

an Vorsorgeuntersuchungen und DMPs teilzunehmen,

dann wissen Sie nun,

dass ihre Kasse dabei nicht ihre Gesundheit sondern den Morbi-RSA im Blick hat.

 

 

Schwerkranke als Geschäftsmodell

Doch das ist erst der Anfang.

Krankenkassen werden ganz explizit von der Politik aufgefordert sich wie ein Unternehmen zu gebärden.

 

Eine Rede des SPD Gesundheitsexperten Karl Lauterbach macht den Systemwechsel deutlich:

„ Also, wenn ich heutzutage einen Patienten versorge mit einer etwas teureren Form der Leukämie, … da ist eine Knochenmarktransplantation notwendig,

eine komplizierte Nachbehandlung usw. usf..

 

Eine solche Krankheitsepisode kann leicht 150 000 € kosten.

 

Für einen solchen Fall gibt es diesen Durchschnittsbetrag auch im Morbi-RSA. …  Wenn ich aber eine solche Krankheitsepisode komplett abdecken kann für 70, 80, oder 90 000 Euro

dann bringt diese Krankheitsepisode der Krankenkasse

einen Gewinn von mehr als 50 000 Euro.

 

Wie lange muss ich einen Gesunden versichern, um diesen Betrag zu erwirtschaften?“

 

Und Lauterbach weiter: „… Der HIV-Patient ist natürlich, wenn es gut organisiert wird und es gibt einen hohen Deckungsbetrag, ein unglaublich lukrativer Kunde.

 

Das muss man sich mal überlegen, d.h.,

dieses Umdenken, das wird eine Zeit lang brauchen.“

 

Im versicherungsinternen Sprachgebrauch hat das Umdenken bereits begonnen.

 

Dort ist vom „zielgerichteten Verkranken der Versicherten“ die Rede.

 

Im Klartext: Die erfolgreiche Krankenkasse der Zukunft ist diejenige, die ihre Mitglieder in möglichst jungen Jahren möglichst lukrative Diagnosen anhängt,

um dann an möglichst vielen Krankheitsepisoden zu verdienen.

 

 

Dabei erhält sie Festbeträge für möglichst teure Therapien, die sie jedoch mit ihrer Nachfragemacht günstiger bei den Leistungserbringern wie Praxen oder Krankenhäuser einfordern kann, um an der Marge zu verdienen.

 

Da jedoch in der Medizin, im Gegensatz zum Maschinenbau, der Kostendruck nur in Ausnahmefällen durch Innovationen aufzufangen ist,
wird immer weiter an Personal und Material gespart werden,

um in diesem zukünftigen Preiskrieg zu bestehen.

 

Besonders kleine Krankenhäuser und Praxen, denen vor allem die Gesundheit ihrer Patienten am Herzen liegt, werden diesem Druck nicht standhalten können und gehen pleite.

 

Doch die Lösung steht schon bereit: investorengesteuerte Klinikketten mit ihren Medizinischen Versorgungszentren (MVZs), in denen
vor allem die Gesundung des Aktienkurs im Vordergrund steht.

 

Und geht dann etwas schief, gibt es neue Diagnosen, die dann erneut abgerechnet werden können und die Verkrankung weiter anheizen.

 

Das ist die marktwirtschaftliche Logik in der Medizin, wenn die Rahmenbedingungen falsch gesetzt werden.

 

 

Das Jahrhundert der Patienten

Krankenkassen und Klinikketten, in deren Aufsichtsräten sich regelmäßig aktive Gesundheitspolitiker befinden, gebärden sich zunehmend wie DAX-Konzerne, inklusive absurd hoher Vorstandsgehälter und Glaspalästen.

 

 

In ihrem neuen Selbstverständnis sind sie vor allem dazu da, Gewinne zu erwirtschaften.

 

Und dies funktioniert in der heutigen Medizin vor allem durch Verkrankungsstrategien.


Die Ärzteschaft ist nicht in der Lage, den Pharmaeinfluss abzuschütteln und unabhängige, wissenschaftlich fundierte Behandlungsleitlinien zu garantieren.

 

Fiona Godlee, die Chefredakteurin des British Medical Journals gibt zu,
dass seit Jahrzehnten in medizinischen Publikationen Studien geschönt und Nebenwirkungen klein geredet wurden.

 

Manipulation und Einflussnahme in der medizinischen Forschung kann heute fast als Standard bezeichnet werden und als Folge setzen die meisten Ärzte ihre Patienten gefährlichen Übertherapien aus anstatt sie davor zu schützen.


Wer kann diese Verkrankungswelle aufhalten?

Es gibt nur eine einzige Gruppe,

die nicht vom Wachstum der Übertherapien profitiert und die das größte Interesse daran hat dagegen anzugehen.

 

Eine Gruppe, für die bisher die schwächste Position im Gesundheitswesens vorgesehen war: die Patienten, also Sie.

 

 

Nur wenn Patienten sich weigern, trotz „falschem“ BMIs oder anderer Normabweichungen den Kranken zu spielen und gezielt Therapien nach ihrem tatsächlichen Nutzen-Risiko Verhältnis hinterfragen, wird sich etwas ändern.

 

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ruft deshalb das Jahrhundert der Patienten aus.

 

Nachdem im 19 Jhd. die Mikrobiologen und Ingenieure die erste medizinische Revolution durch Beherrschung der Infektionserkrankungen ermöglichten und im 20 Jhd. die Hochschulmedizin durch großartige technische und pharmakologische Erfolge unsere Lebenserwartung weiter steigern konnte,

sollen im 21. Jhd. die Patienten die dritte Revolution auslösen.

 

Durch Zurückdrängen des aktuell größten lösbaren Problems der heutigen Medizin, den iatrogenen Erkrankungen.

 

Der Schlüssel liegt im Zugang zu hochwertigen Informationen, mit denen Patienten in die Lage versetzt werden, Erfolgsaussichten und Nebenwirkungsrisiken einer Behandlung selbst einzuschätzen.

 

 

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker – aber richtig!

Doch für diese Revolution braucht es eine Anleitung.

 

Am besten in Form einer definierten Fragen-Checkliste,

mit denen man den Nutzen einer Behandlung und vor allem die Qualität der ärztlichen Antwort einschätzen kann.

 

Und es bedarf eines psychologischen Rüstzeugs, mit dem man gegenüber seinem Arzt zwar freundlich aber auch selbstbewusst auftreten kann.

 

Für viele eine ungewohnte Rolle.

 

Doch nur wer hochwertige Informationen einfordert,

kann sich vor den Gefahren unnötiger Therapien schützen,

die leider häufig vom behandelnden Arzt unterschätzt werden,

so freundlich und gut er es auch meint.

 

 

Und wir Ärzte? Wir sollten lernen, dass solche selbstbewussten Patienten, die besten Verbündeten sind, um sich gegen die überbordende Ökonomisierung zu wehren, die uns immer öfter in ethisch problematische Entscheidungssituationen zwingt und die Freude an der Arbeit raubt.


Nur wer die richtigen Fragen stellt und bei unbefriedigenden oder gar fehlenden Antworten auch Therapien ablehnt, schützt sich vor den Gefahren eines Verkrankungssystems und - hilft mit das System gehörig unter Druck zu setzen.

 

Denn Patienten sind keine wehrlosen Opfer, sie sind der schlafende Riese im Gesundheitssystem.

 

Sie müssen sich nur trauen aufzustehen.

 


Gunter Frank ist Allgemeinarzt in Heidelberg und Buchautor. Alle Quellen zum Artikel finden sich in seinem neuesten Buch „Gebrauchsanweisung für Ihren Arzt – was Patienten wissen müssen“, erschienen April 2014 im Knaus Verlag.

 

Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland  Wissen  Wirtschaft 

 

 

Quelle: http://www.achgut.com/artikel/das_verkrankungssystem Verkrankungssystem

 

Das Verkrankungssystem – DIE ACHSE DES GUTEN. ACHGUT.COM

www.achgut.com/artikel/das_verkrankungssystem

08.05.2014 - Das Verkrankungssystem. Gunter Frank. Die moderne Medizin kann Fantastisches leisten. Verkalkte Herzklappen können heute ersetzt, ...

 

 

       " Die Schattenseiten des Gesundheitswesens."

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Justiz-Opfer e.V. München

Hier finden Sie uns

Justiz-Opfer e.V. München

Burghardtstr. 14

74722 Buchen

Kontakt

Rufen Sie einfach an unter

 

06281 565 065

 

momentan

an Werktagen

von 10 Uhr bis 12.30 Uhr

oder von 17 bis 19 Uhr

 

in Kürze werden auch weitere Kollegen erreichbar sein.

 

weitere Kontaktdaten werden dann hier veröffentlicht.

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.